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Teil 2: 11 Ideen, was Unternehmen von der Nachwuchsgewinnung im Profi-Fußball lernen können

von Christoph Athanas


Viele Unternehmen benötigen dringend gute Mitarbeiter, die ihnen helfen, ihre Ziele zu erreichen. Genauso ist das bei Profi-Fußballvereinen, nur dass dort natürlich die Spieler im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Viele Clubs haben im Verlauf des letzten Jahrzehnts äußert effektive Verfahrensweisen entwickelt, um Top-Talente zu rekrutieren und sie zu bestmöglichen Leistungen zu führen. Wie ich gelegentlich auf meinen metaHR-Blog durchblicken lasse, habe ich nicht nur Leidenschaft fürs Recruiting, sondern bin auch Fußballfan. Grund genug für mich, diese beiden Bereiche mal miteinander in Beziehung zu setzen. Lesen Sie hier nun den zweiten Teil dieses Beitrages mit den Punkten 6-11 (den ersten Teil lesen Sie hier):


6) Standardsituationen trainieren

Ecke, Freistoß, Elfmeter. Standardsituationen begegnen den Profispielern andauernd in ihrer Karriere. Demnach sollte man annehmen, dass das alles alte Hüte für diese Cracks sind. Mitnichten! Gerade Standardsituationen trainieren die Vereine pausenlos, weil sie wissen, dass sie diese beherrschen müssen. Für Recruiter sind Standardsituationen bspw. Lebensläufe sichten, Vorauswahlen treffen, Interviews mit Kandidaten führen oder mit Fachführungskräften gemeinsam Anforderungsprofile erstellen. Genau diese Alltagsaktivitäten werden aber häufig nicht mehr ausreichend reflektiert ausgeführt oder die eigene Kompetenz hat länger kein Update mehr bekommen. Dies ist äußerst schade, da gerade jene „Standardsituationen“ eben häufig anfallen und entsprechend schon qua Menge entsprechende Impacts haben. Regelmäßige methodische Updates oder schlicht der Wille, immer noch ein wenig besser zu werden ist es, was die Top-Performer vom Rest unterscheidet. Nicht nur im Fussball...

7) Zusammenarbeit der Spezialisten

Ein Cheftrainer bei einem Top-Fußballverein verfügt über einen Stab von Spezialisten. Angefangen von den Co-Trainern, über die Physiotherapeuten bis hin zu den Scouts und den Fitness- und Koordinationstrainern (sie wissen´s vielleicht noch, jene die seit den Klinsmann-Zeiten immer die Gummibänder beim Training zum Einsatz bringen…). Alle diese Funktionen sind in Proficlubs darauf ausgelegt, die Performance der Mannschaft bzw. die des Vereins optimal zu fördern. Die Zusammenarbeit ist dort selbstredend.

Auch im Recruiting gibt es vielfältige Aufgaben und entsprechend viele Schnittstellen. Häufig sind im Unternehmen wichtige und hilfreiche Kompetenzen vorhanden. Social Media wird z.B. von den Marketingabteilungen häufig schon deutlich länger eingesetzt als von der HR. Die Leute aus den Fachabteilungen liefern die authentischen Geschichten aus dem Unternehmen welche von der Unternehmenskommunikation entsprechend aufgearbeitet werden können. Die IT bringt das Know-how mit und über allem finden sich die José Mourinhos der Unternehmenswelt, die Vorstände oder Geschäftsführer, welche für Erfolg versprechende Visionen stehen. Sie alle in den Dienst einer nachhaltigen und unternehmensindividuellen Personalbeschaffung zu stellen würde dem Teamwork eines erfolgreichen Spezialistengespanns bei Fussballclubs entsprechen und für den Rekrutierungserfolg den Nachbrenner zünden.
 

8) Die Fangemeinde pflegen und bedienen

Fußball ohne Fans? Nicht vorstellbar, oder? Genau. Obwohl doch Proficlubs deutlich mehr Geschäft mit TV-Einnahmen oder Sponsoren machen als mit Eintrittsgeldern, erhalten die Fangemeinden doch stets große Aufmerksamkeit seitens der Vereine. Das ist weniger Traditionspflege als praktische Politik. Der Fan wird umworben und als Kunde betrachtet. Dafür zahlt er zurück mit Treue und Engagement. Mit Blick aufs Recruiting bedeutet dies: Auch „gewöhnliche“ Unternehmen können ihre Fans haben, wobei dieses „Fan-Dasein“ wohl aber eine Stufe weniger emotional als im Sport sein dürfte. Dennoch: Es ist die weitblickende Aufgabe der Employer Brand-Kommunikation, „Fans“ für den Arbeitgeber aufzubauen bzw. zu binden. Was im Fussball eher selten passiert, nämlich dass jemand von der Fankurve auf den Platz wechselt, sollte für Unternehmen klare Zielsetzung in der Personalbeschaffung sein: „Fans“ sind ein Schatz für das Unternehmen, weil in ihren Kreisen engagierte Mitarbeiter oder großartige Multiplikatoren schlummern, die nicht extra motiviert werden müssen. Sie haben die Vision ohnehin schon intus!

Damit dies geschehen kann, müssen die Unternehmen allerdings ihre passende „Fangemeinde“ richtig identifizieren, ihre Bedürfnisse kennen lernen und entsprechend bedienen. Im Vorteil sind dabei Unternehmen, welche Produkte für Endkunden herstellen. Zufriedene Kunden sind vermeintlich nur einen Schritt vom Fan-Status entfernt. Doch hier muss genau unterschieden werden zwischen Anhängern der Unternehmens- bzw. Produktmarke und dem Arbeitgeber als solchem. Diese Differenz herauszuarbeiten ist wichtig. Überaus bedeutend sind zudem die Touchpoints, die Begegnungspunkte zwischen Unternehmen und „Fans“. Fußballclubs verwenden viel Organisationsarbeit darauf, hier mehr als nur das Stadionerlebnis im 2-Wochen-Rhythmus zu bieten. Zu der Arbeit der Vereine mit den Fans gehört übrigens an vorderster Stelle der Dialog. Unternehmen sollten ihrerseits Fans in virtuellen wie realen Talentpools bündeln und ihnen je nach Bedürfnissen immer wieder Angebote machen. Genauso wie für die Fussballclubs gilt es dabei für die Unternehmen, dem Dialog mit ihren (potenziellen) Marken-Fans besonders viel Raum zu geben.
 

Recruiting-Tipps aus dem Profi-Fußball
Im Profi-Fußball wird vieles richtig gemacht im Recruiting. Davon können Sie lernen!
 

9) Immer mit aktuellen Leistungsdaten arbeiten

Immer wieder berichten die Medien über die Laktattests von Profi-Fußballern. Gern werden von der Presse Gerüchte über den Ausgang solcher Testergebnisse zum Anlass für Spekulationen über die Leistungsfähigkeit von bestimmten Spielern genommen. Die Vereine wissen es genauer: Profi-Fußballer werden leistungsmäßig vermessen und beobachtet um sie gezielt und individuell zu fördern. Dies gehört zum Standardrepertoire der Profivereine. Die Performance auf das Team hin ist ähnlich gut in Leistungsdaten erfasst. Nicht nur die Tabelle mit Punkten und Toren spricht eine klare Sprache, sondern viele Datenbanken werden gefüllt und genutzt um das eigene Spiel und das der Wettbewerber genau zu analysieren.

Auf das Recruitment übertragen ist dies hier die Aufforderung, unbedingt ein sorgsames Controlling über die eigenen Aktivitäten aufzusetzen. Während jeder Fußballtrainer bspw. problemlos nachvollziehen kann, welche Spielsituationen seine Mannschaft zu Toren nutzt, tappen nicht wenige Recruitingabteilungen halbwegs im Dunkeln, wenn sie konkret danach gefragt werden, wie effektiv welcher Personalbeschaffungskanal für sie ist. Auch in der Organisation solcher Recruiting-Controllings kann man sich als Personalabteilung eine Scheibe vom Fussballclub abschneiden. Medizinische und physiologische Daten erhebt und nutzt die medizinische Abteilung. Daten zum Passspiel und über den Ausgang von Zweikämpfen bspw. hingegen das Trainerteam. Auf den Cheftrainer hin werden solche Informationen verdichtet, so dass er den Überblick behält und Entscheidungen treffen oder beurteilen kann. Recruiting-Departments tun gut daran sich ähnlich funktional-hierarchische organisierte Controllings zuzulegen. So geht der einzelne nicht in der Datenflut unter und ein Reporting zur HR- bzw. Unternehmensspitze ist gezwungen auf wenige wirklich bedeutende Infos zurück zu greifen.


10) Vereinsphilosophie

Klar, viele würden gern, aber nicht alle können der FC Bayern München sein. Das liegt in der Natur der Sache, da keine Liga 18 Platzhirsche verkraften könnte. Neben den Großen der Branche existieren aber eben auch viele kleinere Clubs, welche sich ausgezeichnet schlagen, nicht zuletzt wegen ihrer an ihre Situation angepassten Philosophie. Der SC Freiburg oder in Italien Udinese Calcio sind mit dem Label „Ausbildungsverein“ nicht unglücklich. Im Gegenteil: Ihre Philosophie zieht gerade jüngere Spieler an, welche dort eher den Durchbruch schaffen können. Zudem sind sie regional gut verankert.
Für Unternehmen, ganz besonders für Mittelständler, kann die Analogie hierzu nur lauten, sich zu seinen Besonderheiten zu bekennen. Ecken und Kanten in der Arbeitgebermarke zu haben und sich durchaus auch mit Lokalkolorit zu schmücken ist eher Vorteil, denn Nachteil. Nur wer sich als Unternehmen mit seinen Werten und seiner Kultur auseinander setzt und die eigenen Besonderheiten wertschätzt, kann seine Arbeitgebermarke authentisch in Szene setzen und so den Grundstein für erfolgreiche, nachfolgende operative Personalmarketing- und Recruitingmaßnahmen legen.


11) Erfolge feiern

Ja, auf dem Rathausbalkon die Trophäe in die Luft halten und aller Welt zu zeigen, wie gut man war, das ist der finale Akt erfolgreicher Fußballteams. Ohne Frage, die Zeremonie gehört einfach dazu und wird gemeinsam mit den Fans vollzogen. Auch Unternehmen dürfen sich meiner Meinung nach durchaus etwas kommunikationswirksamer im Hinblick auf ihre Recruiting- oder Mitarbeitererfolge zeigen. Wie wäre es denn damit, mal öffentlich zu machen, wie viele Positionen in wie kurzer Zeit besetzt wurden? Oder wie viele neue Azubis an Bord geholt wurden? Oder wie viel Prozent der unternehmenseigenen Führungskräfte aus der Region oder aus dem Unternehmensnachwuchs kommen? Nur um mal ein paar Beispiele zu nennen. Es gibt sicher viele Erfolge, die im Personalbereich erzielt werden. Sprechen Sie ruhig auch darüber und teilen Sie potenziellen Bewerbern mit, welche Perspektiven Sie bieten. Wo es Erfolge gibt, sollte über diese auch berichtet werden. Schließlich fühlen sich Menschen von erfolgreichen Organisationen besonders angezogen, oder glauben Sie etwa der FC Bayern hat wegen seiner schönen Trikots die meisten Fans deutschlandweit? Na eben…


Abpfiff: Das waren die elf Analogien zwischen Profi-Fußball und Personalbeschaffung. Womöglich sind einige Ideen dabei, wie Ihr Recruiting von Dingen profitieren kann, welche in der äußerst professionellen und erfolgreichen Welt der Profivereine selbstverständlich sind. Zuletzt möchte ich noch betonen: Egal wie effizient oder fortschrittlich Ihr Recruiting organisiert sein mag. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich das Wichtigste für den Erfolg stets bewahren: Ihre Leidenschaft für das, was Sie tun, quasi Ihre „Liebe zum Spiel“.

P.S: Der erste Teil dieses Artikels findet sich hier.