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Mobile bis zum Tellerrand und dann? ... dann kam Weixin

von Robindro Ullah

In Asien funktioniert Personalbeschaffung gänzlich anders als im Westen – und könnte als Blaupause für die Recruiting-Zukunft hierzulande dienen. Robindro Ullah teilt seine Erfahrungen.

Das Thema Mobile Recruiting begleitet mich mittlerweile seit 2007, als ich die ersten QR Codes auf unsere Flyer gebracht habe. In den vergangenen sieben Jahren hat sich das Thema komplett gedreht und ist meiner Meinung nach zum wichtigsten Hidden Topic der HR-Branche avanciert. Warum Hidden? - weil ich glaube, dass ein Großteil unserer Branche noch in 2007 lebt.

Mit meiner neuen Funktion bei Voith, in der ich Recruiting-Themen weltweit voran treibe, hatte ich bislang etliche spannende Einblicke in Arbeitsmärkte, die dem Deutschen weit voraus scheinen. Unter anderem durfte ich mich intensiv mit China beschäftigen.


Mobile soweit das Auge reicht

Der chinesische Markt tickt aus meiner Sicht bereits heute nahezu vollständig mobile. Berührungsängste mit der ständigen Erreichbarkeit und vor allem der Transparenz scheinen für einen Außenstehenden wie mich nicht zu existieren - zumindest nicht für mich sichtbar. Die Quote an Handy-Spielern in der U-Bahn liegt bei nahezu 100 Prozent. Alle haben ihr Mobile Device in der Hand und spielen. Einen Unterschied zwischen verschiedenen Generation konnte ich nicht feststellen - aber mein Eindruck ist natürlich nicht repräsentativ.

Ein Netzwerk, welches in letzter Zeit in China für viel Aufsehen gesorgt hat, ist Weixin oder WeChat, wie es in Europa genannt wird. Kurz für den Laien erklärt: WeChat ist eine Art Mischung aus WhatsApp und Facebook. Diese vereinfachte Darstellung wird WeChat zwar bei weitem nicht gerecht, beschreibt aber in einem ersten Aufschlag recht gut, was man erwarten kann. Das Netzwerk ist wie WhatsApp ausschließlich mobile verfügbar. China hat es im Sturm erobert.

Warum ich so weit aushole, bevor ich auf meine Implikationen für das Mobile Recruiting komme, liegt daran, dass meine Gedanken dann vermutlich leichter zu verstehen sind.


Warum WeChat so gut funktioniert

Mit WeChat ist eine der ersten Applikationen auf den Markt gekommen, die scheinbar das Potential hat, nicht nur China für sich einzunehmen, sondern auch andere Länder und Kontinente. Die Grenzen, die einst für QQ oder Weibo bestanden, scheinen in diesem Fall aufgehoben zu sein. Nicht nur in Europa wachsen WeChats Nutzerzahlen, auch in Indien, Südafrika oder Südamerika wird das Netzwerk immer populärer, wenngleich noch in einem sehr bescheidenen Rahmen. Trotzdem, WeChat scheint irgendetwas sehr richtig zu machen und meiner Meinung nach ist dies mit "mobile" zu erklären.

Eine Applikation bzw. ein Social Network, welches verstanden hat, die mobilen Bedürfnisse der Nutzer anzusprechen, zieht selbstverständlich auch für sich mobile Konsequenzen. WeChat ist daher ausschließlich mobil verfügbar. Die Registrierung erfolgt über die Handynummer und nicht wie bislang in den Netzwerken der ersten Generation über die E-Mailadresse. Einige Features zahlen ebenfalls auf die mobile Nutzung ein. So ist standardmäßig die Sichtbarkeit im Netzwerk auf „on“ geschaltet, so dass über die Funktion "People nearby" leicht WeChat Nutzer in der näheren Umgebung identifiziert werden können. In China wurde ich über dieses Feature häufig angesprochen - Ansprache durch völlig fremde Personen ohne Berührungsängste.

Ein weiterer Clue befriedigt sogar die Bedürfnisse der „Generation Walkie Talkie“, denn auch dieses Feature gibt es auf WeChat. Eine Spielerei, wie Sie vielleicht denken. Aber genau dies macht sicherlich einen Teil des Charmes des Netzwerks aus.


Leben wir bald komplett in einer App?

Nun stellen Sie sich vor, ein soziales Netzwerk ermöglicht es Ihnen, Ihr Bankkonto mit dem Netzwerk zu verbinden, um auf diese Weise ein Bezahlsystem in dieser Social Network-Welt zu implementieren. Stellen Sie sich weiter vor, Sie könnten Taxis über das Netzwerk rufen und auch direkt bezahlen. Ihr Lieblings-Online-Versandhandel hätte eine "Fanpage" in dem Netzwerk und Sie könnten sich dort die Produkte ansehen, bestellen und direkt bezahlen. Alle ihre Freunde, Lieblingsshops, Sportvereine, ... haben Profile auf diesem Netzwerk und auch der Geldstrom fließt ungehemmt dort. Sie würden quasi in der App leben - Internet, was war das noch gleich?

Sie glauben, das wird nie passieren? Ich glaube, WeChat ist bereits mitten drin und gut dabei. Weitere Infos und auch ein paar Zahlen finden Sie hier im Forbes Artikel

Manche nannten mich schon den Propheten. Andere den Schwarz-Maler. Beides soll nicht Motivation des Schreibens sein. Ich hatte bereits in einem früheren Post auf die Veränderungen hingewiesen: "Die Zukunft liegt in der Hand".  Auch dort bat ich darum, sich einfach auf das Gedankenspiel einzulassen und sich auf die Technologien zu konzentrieren, mit denen wir früher oder später umgehen müssen. Asien übrigens eher früher als später.


Apps verdrängen den Desktop-PC, Telefonnummern die E-Mailadresse

Was glauben Sie geschieht, wenn wir anfangen in einer App zu leben? Zunächst reduzieren sich die Anwendungsfälle für den klassischen Computer-Gebrauch. Die Male, die Sie diese alte Kiste anschmeißen, werden sich weiter drastisch reduzieren. Parallel wird es immer mehr Menschen geben, die sich keinen Computer mehr kaufen werden. In China gibt es bereits heute Bevölkerungsteile, die sich eher ein Smartphone leisten können als einen Computer. Wozu auch - alles Wichtige kann ich mit dem kleinen mobilen Begleiter erledigen. Ich stehe ja sogar noch viel einfacher mit der Welt in Kontakt.

Damit entsteht die nächste Neuerung, die sich meiner Meinung nach in China bereits entfaltet: das Aussterben der E-Mailadresse. Die E-Mailadresse wird nicht mehr wirklich gebraucht. Ihr Online-Leben spielt sich zu 90 Prozent in einer Handynummern-basierten App ab; letztere wird zur zentralen Identifikationsgrundlage. Also – wozu noch Mail?


Und was hat das jetzt alles mit Personalbeschaffung zu tun?

Nun nähern wir uns den Auswirkungen fürs Recruiting, denn E-Mail-basierte e-Recruitingsysteme werden ausgedient haben.

China ist das Land der One-Click-Bewerbungen und dort wird dieser Begriff meiner Meinung nach richtig eingesetzt: Es handelt sich meist tatsächlich nur um einen einzigen  Klick. Anders hierzulande, wo man glaubt, dass eine Bewerbung mittels eines Xing Profils „One-Klick“ sei. Ich bitte, dies einmal nachzuzählen. Allzu schwer ist es nicht, man muss nur bis eins zählen.

Die Entwicklungen im Bereich mobile werden uns zwingen, hier mehr Gehirnschmalz hineinzustecken, als es bislang der Fall war. In einem "mobile" Land, in dem One-Click eh Standard ist, ist es eins. Der Klick ist mobil ebenso komfortabel wie stationär. Bei uns sind da noch ganze Meere zu überqueren, bevor wir so weit sein werden.

Mein nächster Gedanke war - wie erfolgt dann die Bewerberkommunikation? Rufen wir jeden Bewerber an? Nutzen wir SMS oder geht alles über unser Social Media-Profil? Erwarten oder benötigen mobile Applicants eine andere Form der Kommunikation?

Nimmt man sich hierbei Asien als Vorbild, so stünden bald schon einigen HR-Bloggern die Haare zu Berge. Denn die asiatischen Gepflogenheiten passen kaum zu der wünschenswerten Candidate Experience, die letztere gerne Recruitern empfehlen. In Asien kommunizieren Personaler „effizient“: d.h. es wird erst dann irgendetwas kommuniziert, wenn man sich für eine Vorauswahl entschieden hat, und dann wird dies aber auch nur an diese paar Namen kommuniziert. Ein Nachteil einer immer schneller werdenden Welt.

Wofür benötigen wir dann noch eine Karriereseite? Wenn wir anfangen, in einer App zu leben, werde ich versuchen, mein ATS direkt an die App anzuschließen. Da die App nicht verlassen wird (wir leben ja dort), muss ich Wege und Mittel finden, mich innerhalb dieses Ökosystems darzustellen. Ade Karriereseite!? Schon heute argumentieren deutsche Personalmarketer bezüglich der Mobil-Optimierung ihrer Karriereseiten damit, dass sie Bewerber, die bspw. durch eine Social Media-Kampagne mobil auf die Karriereseite kamen, nicht verlieren wollen. Der nächste Schritt wäre dann wohl die Social Optimierung, mit der die Karriereseite ins Netzwerk wandert.


Recruiting in Asien als Blaupause für Europa?

Die Entwicklungen in China zeigen meiner Meinung nach, dass die Welt von solchen Szenarien gar nicht mehr so weit entfernt ist. Die Aufgabe der Karriereseite wird durch Produkte von 51jobs (einem der größten chinesischen Jobboards) bereits heute weitgehend übernommen. Blicken wir weiter in Richtung Japan, so finden wir dort Menschen, die sich mit ihrem persönlichsten Gegenstand beerdigen lassen: dem Smartphone. Ein ganzer Kontinent, der mobil tickt. 

Personalbeschaffung in China
Karriereseite von Voith auf 51jobs.com

Aber wissen Sie was? Seien Sie beruhigt. Das alles war nur ein Scherz. Lehnen Sie sich zurück, entspannen Sie sich. Wer glaubt schon ernsthaft, dass es mal Menschen geben wird, die als Schlüssel zu ihrer eigenen digitalen Identität lediglich das Smartphone nutzen. Da könnte man auch gleich behaupten, die Erde sei eine Kugel.