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Mobile Recruiting: Warum „nur dabei sein“ (nicht immer) alles ist

von Henrik Zaborowski

Mobile Recruiting – der nächste Modebegriff für Ihr HR-Buzzword-Bingo, den Sie in Ihr Repertoire aufnehmen sollten, um sich souverän zwischen der nächsten Recruitingkonferenz (oder gehen Sie lieber zu einem BarCamp?) und Ihrem HR Meeting zu bewegen, während Sie in der Reflexion über die Adaption des Mobile Recruitings an Ihren in unendlicher Trägheit dümpelnden Recruitingtanker zwischen den Wellen hin- und her geschaukelt werden. Was können Sie tun? Erst einmal: Rettungsweste an und Ruhe bewahren. Atmen Sie normal. Es wird alles gut. 

Mal im Ernst: Falls Sie sich fragen, ob das Thema wieder verschwindet, tragen Sie es mit Fassung: Nein! Falls Sie sich fragen, ob Sie jetzt Panik bekommen müssen, weil Sie das Thema noch nicht mit Ihrem Chef besprochen haben: Ebenfalls Nein! Ich versuche Ihnen mal bei der Einordnung zu helfen. Mobile Recruiting ist nichts anderes als eine logische Anpassung an die technologische Entwicklung und die Veränderung des Medienverhaltens der Menschen, also ihrer potentiellen Mitarbeiter. Wenn Sie sich in den 90zigern gefragt haben, ob „dieses Internet“ für Ihr Unternehmen  relevant ist und sich heute ansehen, wie sich im Laufe der Jahre „das Internet“ etabliert hat – dann bekommen Sie eine Idee von der Entwicklung von Mobile Recruiting. Nur, dass Letzteres sich wahrscheinlich deutlich schneller etablieren wird. 


Mobile Recruiting ist kein Produkt

Mobile Recruiting ist kein Produkt. Es wurde nicht von irgendjemanden geschaffen, um damit Geld zu verdienen. Mobile Recruiting hat sich im HR Umfeld als Begriff etabliert, um den Anwendungsmöglichkeiten (oder sollte ich „-notwendigkeiten“ sagen?) einen Namen zu geben, die durch einen allgemeinen gesellschaftlichen Trend entstehen. Nämlich dem Trend, dass immer mehr Menschen nicht mehr wie noch vor zwei Jahren über den unbeweglichen „Schreibtischcomputer“ ins Internet gehen, sondern immer häufiger mit ihren mobilen (End-)Geräten, sprich Smartphones und Tablets. Alle, die über das Internet Produkte oder Inhalte anbieten, müssen die Darstellung ihrer Inhalte daher jetzt so anpassen, dass ihre Leser/Käufer/Interessenten sie auch auf den kleinen, mobilen Displays lesen können.

Und zwar nicht umständlich mit der Lupe oder ständigem Scrollen, sondern „easy to use“, wie man so schön sagt. Sie haben doch bestimmt mitbekommen, wie Facebook verrissen wurde, weil es sein Geschäftsmodell nicht so schnell an das veränderte (nämlich mobile) Nutzerverhalten anpassen konnte. Und wenn Facebook sich schon anpassen muss, dann gilt das auf kurz oder lang auch für Ihre Firmenhomepage, bzw. Karriereseite bzw. Stellenanzeigen bzw. Bewerbungsmöglichkeiten. Und das war es auch schon, mehr steckt eigentlich nicht dahinter. Beruhigt? O.K.! 


Mobile Recruiting – mehr als nur eine technische Frage

Fein, dann können wir ja darüber sprechen, was Sie als Recruiting- oder Employer Branding-Verantwortlicher jetzt damit machen. Ob es reicht, einfach „dabei zu sein“, oder ob sich nicht doch ein paar Chancen und Risiken für Sie ergeben. Da ich (Sie wissen es ja schon längst) auch für dieses Thema mal wieder kein Experte bin (manchmal frage ich mich echt, was ich hier eigentlich mache …), möchte ich Ihnen gerne einen Verhaltenstipp für die Praxis geben. Es gibt nämlich zwei Themen, mit denen Sie sich auseinander setzen müssen.

Mobile Recruiting ist mehr als nur eine technische Frage

Das eine ist die technische Frage, wie Sie Ihre Karriereseite und Bewerbungsmöglichkeiten „für mobil“ optimieren. Die Frage können Sie als HR'ler eh nicht alleine lösen, da gibt es einiges zu bedenken, wie Jo Dierks in seinem exzellenten Artikel „Aktuelle Debatte um Mobile Recruiting“ u.a. aufgezeigt hat. Was technisch gehen kann, hat Dominik Hahn mit seinem Arbeitgeber Allianz SE sehr schön demonstriert, wie Sie unter „Allianz Gruppe mit innovativer Mobile Recruiting Lösung“ nachlesen können (Sie sollten auch unbedingt seine weiteren sehr guten Artikel hier auf Jobnet.de lesen).

Das zweite Thema ist die Tatsache, dass Unternehmen mehr aus Mobile Recruiting machen können, als nur bestehende Inhalte zu optimieren. Und hier wird es fast ein wenig philosophisch, wie ich jetzt zeigen möchte.


Mobile Recruiting – nicht weniger als eine Revolution

Sollten Sie sich jetzt schon in einem Markt bewegen, in dem der War for Talents tobt, dann diktieren jetzt die Bewerber die Spielregeln. Das ist die Revolution. Und Sie danken den Vorteilen von Mobile Recruiting. Denn Mobile Recruiting erleichtert dem Bewerber die Arbeit, damit sinkt die Bewerbungshürde und Sie bekommen mehr Bewerber. Dafür bleibt die Arbeit dann an Ihnen hängen. Denn wenn sich ein Bewerber z. B. nur mit einem Link auf sein Social Media-Profil von unterwegs bewirbt, muss der Recruiter entscheiden, was er/sie tun will. Im Zweifel die Bewerbung ernst nehmen, den Bewerber anrufen oder per mail kontaktieren und das Gespräch suchen. Aber das ist ja das was Sie wollen, viele Bewerber, oder? Na ja, es sollten schon auch die richtigen Bewerber sein, worauf Jo Dierks in seinem oben zitierten Artikel zu Recht hinwies.

Ich persönlich glaube nicht, dass die Unternehmen durch Mobile Recruiting in Massen unpassender Bewerbungen versinken werden. Und wenn doch? Nun, ich würde nicht automatisch jede Nachricht von einem Bewerber mit einem Hinweis auf sein Xing Profil als Bewerbung auffassen. Außer natürlich, ich fordere jeden ausdrücklich dazu auf!!! Mobile Recruiting ist nämlich auch eine Frage des Verständnisses. Die „One-Click“ Bewerbung wird durch Mobile Recruiting Realität. Die Frage ist, wann sie gewünscht und sinnvoll ist. Und das sollte jedes Unternehmen, oder wie bei der Allianz sehr schön gezeigt, jeder Recruiter für sich selbst beantworten. Als Analogie für die Entscheidungsfindung bietet sich die zwischenmenschliche Beziehung an. Das habe ich in meinen Artikel „One-Click Bewerbung - Der Zauber des Augenblicks verändert die Welt“ mal konkretisiert.


Mobile Recruiting und "der gute deutsche Bewerber"

Wenn Sie das Gefühl haben, eigentlich läuft es bei Ihnen im Recruiting noch recht solide – dann keine Angst, wenn Sie hier etwas von Revolution lesen. Bleiben Sie ruhig, die meisten Unternehmen können sich noch etwas Zeit lassen. Der „Rest der Welt“ ist nämlich noch nicht bereit für die Revolution. Wir werden erst einmal nur eine Evolution erleben. Denn der „gute deutsche Bewerber“ liest die etablierten Karriereratgeber und hält sich brav daran. Und darin steht, dass Bewerber sich den Unternehmensanforderungen anpassen müssen, z. B. mit einer perfekten Bewerbungsmappe.

Praktisch heißt das in näherer Zukunft für alle Beteiligten folgendes: Unternehmen optimieren ihre Karriereseite, damit Bewerber sich mobil genauer über Jobs und das Unternehmen informieren können. Der Bewerber schickt sich einen link nach Hause, setzt sich dort vor den Rechner, macht seine „perfekte Bewerbung“ fertig und schickt diese per Mail ab bzw. lädt sie online hoch. Bei der Bewerbung an sich bleibt also alles beim alten: Die Unternehmen diktieren die Spielregeln. Dieses Spielchen wird noch eine Weile so weitergehen. Außer, Sie möchten es heute schon ändern. Die Möglichkeiten haben Sie jetzt dazu.


Mobile Recruiting – ein wenig für alle und etwas mehr für wenige?

Arbeitgeber ist nicht gleich Arbeitgeber. Wir müssen nicht alle das Gleiche machen. Und die Arbeits- und Bewerbungswelt wird sehr unterschiedlich wahrgenommen. Wir lesen vom Fachkräftemangel und dem War for Talents und gleichzeitig von Geisteswissenschaftlern, die keinen Job finden. Wir lesen von Konzernen, die in Bewerbungen ertrinken und vom Mittelstand, dem Bewerbungen fehlen. Daraus folgt, dass nicht jeder Arbeitgeber das Thema Mobile Recruiting bis ins Letzte ausreizen muss.

Klar ist: Irgendwann wird Mobile Recruiting Standard sein! Ich sehe das aber noch nicht flächendeckend in den nächsten fünf Jahren. Sie müssen sich überlegen, wie dringend Sie Bewerber brauchen. Haben Sie einen hohen Bedarf und bekommen zu wenig Bewerbungen, oder suchen Sie Spezialisten, die keinen großen Aufwand betreiben möchten? Dann sollten Sie Mobile Recruiting zu Ihrem Kernthema machen! Dort liegen echte Chancen. Suchen Sie nur ab und an jemanden, womöglich noch in eher klassischen Berufen (es sucht ja nicht jeder den hippen, Onlinemedien-affinen Typo3 Entwickler oder so), dann können Sie sich ruhig noch etwas entspannen und abwarten, was die first mover so alles entwickeln, das Sie später übernehmen können.

„Ihre“ Bewerberzielgruppe wird sich nämlich mit Sicherheit noch weiter an Hesse/Schrader & Co. halten, auch wenn ich der Meinung bin, dass wir Fachexperten und keine Bewerbungsexperten brauchen. Aber das ist ein anderes Thema. Als absolutes Minimum empfehle ich Ihnen: Optimieren Sie Ihre Karriereseite für „mobil“. Alles darüber hinaus hängt von Ihrem Bedarf ab. Und dann behalten Sie den Trend gut im Blick. Denn ich verspreche Ihnen: Die Umwälzung wird kommen – irgendwann müssen Sie mehr daraus machen.

Ihr Henrik Zaborowski


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