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Presseschau: Der Mindestlohn als Praktikum-Killer?

Für viele Unternehmen sind die Auswirkungen des Mindestlohngesetzes auf Praktika noch kein großes Thema. Doch das Gesetz könnte das ganze System Praktikum auf den Kopf stellen. Wie schätzt die Presse das Thema ein? Ein Überblick.

Die Konfrontation ist klassisch: der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gegen die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Wie bei so vielen Themen prallen auch beim Thema „Mindestlohn und Praktikum“ extreme Standpunkte aufeinander. „Junge Menschen dürfen nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden“, so der DGB. Dagegen moniert die BDA, dass Studiengänge zu wenig praxisorientiert seien. Deshalb müssten auch Praktika nach dem Studienabschluss vom Mindestlohn befreit bleiben – zumindest für sechs Monate. Wo liegt nun die Wahrheit? Unsere Presseschau verschafft Ihnen einen Überblick.


Mindestlohn gilt ab 2015 auch für Praktikanten

Geht es nach der Bundesregierung, sollen alle freiwilligen Praktika, die eine Dauer von sechs Wochen überschreiten, ab 2015 mit dem neuen Mindestlohn von 8,50 Euro vergütet werden. Für ein Vollzeit-Praktikum bedeutete das ein Gehalt von rund 1.400 Euro. Viele Arbeitgeber sehen das kritisch; vor allem kleine Unternehmen könnten sich solche Praktikumsvergütungen gar nicht leisten und würden diese Stellen streichen.

In einem Meinungsbeitrag im Human Resources Manager bezeichnet Christoph Jost, Gründer und Geschäftsführer von ABSOLVENTA Jobnet, das Mindestlohngesetz als einen „großen Treppenwitz“. Die sogenannte „Generation Praktikum“, also die ausgebeutete Kohorte von Universitätsabsolventen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangelt, existiere so nicht mehr. Der Nachwuchsmangel zwinge die Unternehmen dazu, attraktive Praktika anzubieten, um junge Akademiker so schon früh an sie als potentielle Arbeitgeber zu binden. Sinnvolle Aufgaben, praktische Ausbildung und hohe Vergütungen seien deshalb vor allem in Branchen mit Nachwuchsmangel mittlerweile Standard. Es sei deutlich, dass die "Selbstregulierung des Marktes" in diesem Fall funktioniere – das Gesetz sei deshalb nicht nur unnötig, sondern gar schädlich.

Nach Josts Rechnung würde der Mindestlohn im Praktikum die deutschen Arbeitgeber jedes Jahr acht Milliarden Euro kosten. Eine Summe, bei der sich einige überlegen werden, weiterhin Praktika anzubieten. Das Gesetz schade am Ende also auch den Praktikanten selbst, zumal sich diese laut einer Umfrage mit einer Vergütung von rund 800 Euro durchaus zufrieden geben würden.  


Mindestlohn im Praktikum beschneidet „Sprungbrett in Beschäftigung“

„Es ist nicht nachvollziehbar, dass dieses zentrale Sprungbrett in Beschäftigung (gemeint sind Praktika, Anm. d. Red.) nun mit dem Mindestlohn beschnitten werden soll", zitiert das Handelsblatt einen Vertreter der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Der Artikel untermauert diese Aussage mit einer Studie des Institus für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die besagt, dass jeder zweite Hochschulabsolvent durch Praktika eine Festanstellung findet. Auch das Handelsblatt betont, dass Praktika mittlerweile ein fester Bestandteil der Rekrutierungsstrategie seien und warnt vor mehr arbeitslosen Akademikern – vor allem angesichts der doppelten Abiturjahrgänge, die demnächst mit ihrem Studium fertig werden. 

Spiegel Online sorgt sich im Zuge des Mindestlohns für Praktikanten ebenfalls um das „Ausbildungsmodell Deutschland". Neben dem befürchteten allgemeinen Rückgang des Angebots an Praktikumsstellen sei auch die Ausnahmeregelung problematisch, nach der sechswöchige Praktika vom Mindestlohn befreit werden. Solch ein sechswöchiger Einblick in ein Unternehmen bringe den Praktikanten sehr wenig, so eine im Artikel als Expertin interviewte Professorin für Public Governance. Zwar plädiert die Professorin dafür, den Mindestlohn erst einmal einzuführen und dann zu sehen, ob Korrekturen notwendig seien, sagt aber auch: „Deutschland hat ein sehr gut funktionierendes Modell des Zutritts zum Arbeitsmarkt nach der Uni. Es wäre traurig, wenn das durch den Mindestlohn Schaden nehmen würde."

 

Mindestlohn Infografik Praktikum
Die Infografik des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales stellt die Ausnahmeregelungen beim Mindestlohn dar
 


„Mit dem Mindestlohn wäre das System tot“

Auch Zeit Online stimmt ein in den Tenor der Ablehnung des Praktikantenmindestlohns. Den Geschäftsführer der öffentlichen Forstverwaltung in Fürstenberg (Baden-Württemberg) zitiert sie mit: „Die Politik agiert an der Wirklichkeit vorbei. Mit dem Mindestlohn wäre das System tot". So seien Absolventen der Forst- und Agrarwirtschaft nicht arbeitsfähig nach deren Studienabschluss und brauchten definitiv noch Praktika – unmöglich zum Preis des Mindestlohns. Zeit Online lässt zudem auch Praktikanten selbst zu Wort kommen, die den Mindestlohn ablehnen, da sie genau wissen, dass Ihre Stelle unter diesen Umständen gestrichen würde – und sich mit der Erfahrung, die sie im Praktikum machen und einer geringeren Vergütung genug entlohnt fühlen. Am Ende gibt der Artikel noch einen süffisanten Hinweis auf den Verdienst von Praktikanten im Bundesministerium für Arbeit und Soziales: Es sind 300 Euro, respektive „2,06 Euro Stundenlohn. Brutto.“


Praktikanten-Mindestlohn doch keine Gefahr?

Man muss lange suchen, bis man ein Medium findet, das die Bedenken gegen den Praktikanten-Mindestlohn explizit zerstreut – zumal am Artikel-Ende, wo sich regelmäßig bei einer differenzierten Pro/Contra-Darstellung der Standpunkt des vermeintlich neutralen Autors versteckt. Zumindest bei der Ausgburger Allgemeinen ist das so. Nachdem der Artikel zunächst auf die potentiellen Risiken des Mindestlohns bei Praktika hinweist, lässt er letztlich den Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks zu Wort kommen. Demnach sei der Mindestlohn kein „Praktikums-Killer", denn dass die neue Regelung zu weniger Stellen führe sei „nicht belegbar“. 

Explizit für den Mindestlohn im Praktikum votiert auch eine Autorin der Süddeutschen Zeiting. Ihrer Meinung nach nutzten zuviele Unternehmen fertig ausgebildete Fachkräfte in unnötigen Praktika zu einem Hungerlohn aus. Der Mindestlohn sei eine wirksame Maßnahme, solchen Arbeitsverhältnissen einen Riegel vorzuschieben. Jene Praktika, die Studenten zum Sammeln von Erfahrung oder dem Kennenlernen diverser Berufsfelder dienen, seien durch die Ausnahmeregelung abgedeckt, nach der Pflichtpraktika im Studium nicht unter den Mindestlohn fallen. Gemeinnützige und Kultureinrichtungen, die nicht die finanziellen Möglichkeiten für einen Praktikanten-Mindestlohn haben, sollten demnach staatliche Fördermittel und Stipendien erhalten. So würde man gleichzeitig Praktikanten fördern, die auf eine hohe Vergütung angewiesen sind, beispielsweise weil die Eltern ein niedriges Praktikantengehalt nicht kompensieren können. 


Unternehmen vom Mindestlohn teils unbeeindruckt

Vor allem große Unternehmen zeigen sich vom Mindestlohn-Gesetz teilweise unbeeindruckt. So zahlt der Chemiekonzern BASF seinen Praktikanten und Doktoranten bis zu 2200 Euro, wie der Karrierespiegel schreibt. Dort wird auch die Personalabteilung von IBM mit den Worten zitiert, dass man weiterhin Praktikanten einstellen werde, um ihnen die Chance zum Erwerb praktischer Berufserfahrung zu geben. Indes gehen nicht alle Großkonzerne so unbeschwert mit dem Thema um. So bestätigt Lufthansa dem Karrierespiegel, dass der Mindestlohn eine "Erschwernis" für das Personalmanagement darstelle – momentan kommen Praktikanten dort auf eine Vergütung zwischen 650 und 750 Euro. Auch der Waschmittelhersteller Henkel denkt demnach über eine Reduzierung seiner Praktikumsstellen nach. 

Alles in allem sollten Unternehmen die Veränderung, die das Mindestlohn-Gesetz im Bereich Praktikum mit sich bringt, ernst nehmen. Noch nicht alle sind sich aktuell den Konsequenzen bewusst. Wer sich Praktikanten unter den kommenden finanziellen Bedingungen nicht leisten kann oder möchte, sollte rechtzeitig seine Personalbeschaffungsstrategie dahingehend anpassen. Denn: In einem aktuellen Interview mit der Welt am Sonntag hat Bundesarbeitsministerin Nahles noch einmal ganz klar gesagt: "Ich werde das Modell der Generation Praktikum beenden." 

Lesen Sie zu diesem Thema auch die Pressemitteilung „Mindestlohn für Praktikanten? Voll daneben!" von ABSOLVENTA Jobnet auf news aktuell.


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